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Ältere Migrantinnen und Migranten

„Eine Person hat dann einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist.“ (Statistisches Bundesamt 2016).

Die meisten älteren Migrantinnen und Migranten sind entweder als sogenannte Aussiedler oder im Zuge einer Arbeitsmigration ("Gastarbeiter") nach Deutschland eingewandert. Es handelt sich dabei um eine sehr heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Muttersprachen, kulturellen und religiösen Prägungen.

Aussiedler und Spätaussiedler

Die Aussiedler kamen ab den 1950er Jahren vor allem aus Polen und aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, als nach dem zweiten Weltkrieg die deutsche Ostgrenze neu festgelegt wurde. Aufgrund ihrer deutschen Wurzeln hatten diese Menschen ein besonderes Recht auf Einwanderung nach Deutschland. Seit 1993 werden sie als Spätaussiedler bezeichnet. Je nachdem woher sie kamen und zu welchem Zeitpunkt sie nach Deutschland eingewandert sind, gibt es große Unterschiede in Bezug auf ihre Integration in die deutsche Gesellschaft. Das Augenmerk liegt hier insbesondere auf den Spätaussiedlern, die ab 1993 nach Deutschland einwanderten, nur wenig Deutsch sprechen und isoliert von der deutschen Mehrheitsgesellschaft leben.

"Gastarbeiter"

Die zahlenmäßig größte Gruppe der heute älteren Migrantinnen und Migranten kamen als sogenannte „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Um Arbeitskräfte für die deutsche Industrie zu gewinnen, schloss die Bundesrepublik in den 1950er und 1960er Jahren Anwerbeabkommen unter anderem mit Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei ab. Viele dieser Migrantinnen und Migranten kamen damals mit der Idee, ein paar Jahre in Deutschland zu arbeiten und danach wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Auch von Seiten der Bundesrepublik bestand diese Erwartung. Von staatlicher Seite gab es wenige Anstrengungen, die „Gäste“ in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und ihnen Zugang zur deutschen Sprache und zur deutschen Kultur zu verschaffen. Vor allem diejenigen, die heute zu den Älteren gehören, haben in Deutschland meist weiterhin ihre Muttersprache gesprochen und ihre kulturellen Verhaltensweisen beibehalten.

Neuere Studien belegen, dass der Plan, nach Italien, Spanien, Griechenland oder die Türkei zurückzukehren, oft verworfen wird oder nicht verwirklicht werden kann. Viele ältere Migranten und Migrantinnen verbringen ihren Lebensabend inzwischen in Deutschland. Dies hängt auch mit den Familienbindungen in Deutschland zusammen und mit der Hoffnung, hier durch die Kinder Unterstützung und Pflege zu erhalten.

Demenzerkrankungen unter Migrantinnen und Migranten

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts belegt, dass ältere Menschen mit einem Migrationshintergrund eine schlechtere körperliche und psychische Gesundheit aufweisen als Menschen ohne Migrationshintergrund. Ebenso ist ihr Zugang zur gesundheitlichen Versorgung schlechter. Menschen mit Migrationshintergrund „altern“ schneller.

Aufgrund der wachsenden Zahl von älteren Migranten und Migrantinnen in Deutschland ist davon auszugehen, dass Demenzerkrankungen in den nächsten Jahren auch in dieser Bevölkerungsgruppe deutlich zunehmen werden. Heute leben etwa 108.000 ältere Migrantinnen und Migranten mit einer Demenzdiagnose in Deutschland (Statistischen Bundesamt, 2015).

Unsicherheit und Fremdheit

Menschen mit Demenz sind durch die Erkrankung häufig verunsichert und fühlen sich unverstanden. Bei Menschen mit Migrationshintergrund sind diese Gefühle oft noch deutlich stärker ausgeprägt Das Ankommen in einem für sie fremden Land war häufig begleitet von Gefühlen der Unsicherheit und Fremdheit. Durch die Demenz verstärken sich die Gefühle von Fremdheit und Unsicherheit. Dies wird oft als „doppelte Fremdheit“ bezeichnet.

Besondere Belastungen bei Demenz und Migration

Die deutsche Sprache geht zunehmend verloren

Bei einer Demenz lässt das Kurzzeitgedächtnis nach, Erlebnisse, die länger zurück liegen, werden dagegen besser erinnert. Die Muttersprache ist im Langzeitgedächtnis gespeichert und bleibt oft lange erhalten. Der Verlust der deutschen Sprache bei demenziell erkrankten Migrantinnen und Migranten führt zu Kommunikationsproblemen und Schwierigkeiten im Kontakt mit der Außenwelt. Es kommt zu sozialem Rückzug. Sie fühlen sich fremd in ihrer „neuen Heimat“. Eine pflegende Angehörige berichtet: „Mein Vater hat im Zuge der Erkrankung die deutsche Sprache verloren, obwohl er bisher als Russlanddeutscher ziemlich gut Deutsch konnte. Jetzt spricht er nur noch russisch, und Ärzte und Pflegekräfte können ihn nicht verstehen.“

Verständnis von Krankheit, insbesondere Demenz

Wie vieles andere ist auch das Verständnis von Krankheiten kulturell bedingt. Eine Demenz-Erkrankung kann starke Angst auslösen, weil sie zu Persönlichkeitsveränderungen und „seltsamen“ Verhaltensweisen führt. Deshalb ist sie sowohl bei Betroffenen als auch bei Angehörigen mit viel Unbehagen und Scham verbunden. Gleichzeitig werden Erklärungen für das Verhalten gesucht. Nicht selten wird eine Krankheit dann als Schicksal oder – von gläubigen Menschen – als Strafe Gottes eingeordnet.

Die Symptome der Demenz (Gedächtnisprobleme, Sprachschwierigkeiten, Persönlichkeitsveränderungen u.a.) sind eine Folge der Erkrankung des Gehirns. Sie können nicht rückgängig gemacht werden, aber man kann vieles tun, um Menschen mit Demenz trotzdem ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Dieses Wissen kann allen Beteiligten helfen und ihnen die Bewältigung der Erkrankung erleichtern.

Zu späte und fehlerhafte Diagnose

Menschen mit einem Migrationshintergrund erhalten oft erst spät eine Demenz-Diagnose. Einerseits weil der Zugang zur medizinischen Versorgung erschwert ist, andererseits weil die in Deutschland gängigen Tests für sie ungeeignet sind.

Die Tests wurden für deutsche Seniorinnen und Senioren entwickelt und ihre Ergebnisse hängen stark von sprachlichen Fähigkeiten und Kenntnis der deutschen Kultur ab. Wenn eine Person nur wenig Deutsch versteht, oder die Sprache nicht gut sprechen oder lesen kann, verfälscht dies die Testergebnisse. Auch führt das Dolmetschen von Familienangehörigen häufig zu Fehlinterpretationen.

Fehl- und Unterversorgung

Die bestehenden Angebote orientieren sich kaum an den spezifischen Gesundheitsvorstellungen, Lebensverhältnissen und Bedürfnissen älterer Migrantinnen und Migranten. Zudem fehlen Informationen darüber, welche Angebote es gibt und wie diese finanziert werden. Flyer und schriftliches Material auf Deutsch erreicht die Zielgruppe oftmals nicht.

Unterstützungs- und Betreuungsangebote sind in der Regel auf ältere Menschen aus Deutschland ausgerichtet. Das zeigt sich in der Raumgestaltung, in der Musik, den Geschichten oder dem Beschäftigungsmaterial, das zum Einsatz kommt. Bei der Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz sind biografische Informationen sehr wichtig: Pflegekräfte müssen etwas über die Kindheit, die Gewohnheiten und den kulturellen Kontext einer Person wissen, um sie angemessen betreuen zu können. Dabei handelt es sich um ein Wissen, das für Einzelne nur schwer nachträglich zu erlernen ist. Auch wenn Altenpflegeeinrichtungen zunehmend Personal mit interkultureller Kompetenz bzw. eigenem Migrationshintergrund suchen, bleibt hier noch viel zu tun.

 

Die Situation der Angehörigen 

Menschen mit Demenz werden über die längste Zeit der Krankheit von ihren Angehörigen gepflegt. Dies gilt für Menschen mit Migrationshintergrund in besonderem Maße. Häufig wird von den Kindern erwartet, dass sie die Eltern pflegen. Fremde Hilfe wird selten angenommen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Zugang zu Hilfen ist mit viel bürokratischem Aufwand verbunden. Beratungsstellen und Selbsthilfeorganisation, die hier weiter helfen können, sind oft nicht ausreichend auf migrantische Klientel eingestellt.

Die Versorgung, Betreuung und Pflege eines Menschen mit Demenz bedeutet für pflegende Angehörige eine große seelische und körperliche Belastung. Diese verstärkt sich noch, wenn Angehörige selbst berufstätig sind. Durch die Demenzerkrankung nehmen Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten zu. Angehörigen fehlt oft Wissen über die Krankheit und darüber, wo es welche Unterstützung gibt.

Aus zahlreichen Studien zur Situation pflegender Angehöriger wissen wir, dass sich geeignete und frühzeitige Unterstützung positiv auf die Lebensqualität und das Wohlbefinden sowohl der Pflegenden als auch der Menschen mit Demenz auswirkt. Unser aktuelles Unterstützungssystem erreicht jedoch Menschen mit Migrationshintergrund häufig nicht. Die Hürden sind für sie zu hoch, was vielfach auch an der Komm-Struktur der Angebote liegt.

Seitens des Unterstützungssystems ist es dringend erforderlich, Migrantinnen und Migranten mit Demenz und ihre Angehörigen stärker in den Blick zu nehmen und Versorgungsstrukturen zu entwickeln, die auf sprach- und kulturspezifischen Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer Angehörigen eingehen.